Carlos Gaa: Werk

Carlos Gaa war neben Otto Boehringer einer der Schwiegersöhne von Marie Reuther (geb. Altenkirch) der Schwester des Ur-Großvaters des Stifters.

Neben seiner intensiven und sehr erfolgreichen beruflichen Tätigkeit als Vorstandsmitglied bei Brown, Boveri & Co. A.-G. in Mannheim (wo 1922-24 auch Klaus Thormaehlen als Ingenieur arbeitete) war Carlos Gaa ab 1908 ein renomierter Kunstsammler. So schrieb Max Lehrs (langjähriger Direktor der Berliner und Dresdner Kupferstichsammlung) in seiner Vorrede in Boerners Versteigerungskatalog von 1926, der über 1.000 Werke aus Gaas Besitz listet. Darunter waren so bedeutende Werke wie Albrecht Dürers „Ritter, Tod und Teufel“. [1]:

„Alle diese Bestrebungen und all diese Arbeit wäre nicht möglich gewesen, wenn
nicht neben der öffentlichen Hand und neben den Bürgervereinigungen auch noch viele
Einzelpersönlichkeiten sich als Kunstförderer und Kunstsammler betätigt hätten. So wie
schon im 18. Jahrhundert Pater Desbillons, später Mammelsdorf und die „Harmonie“, der Verein für Naturkunde, der Verein für öffentliche Bibliothek, wertvolle Büchersammlungen anlegten, so gab es auch in unserer Zeit in unserer Stadt bedeutende Sammler, allen voran Karl Lanz, in dessen 1911 neu erbautem
Palais nicht nur eine wertvolle Bücherei, sondern auch eine wertvolle Gemäldesammlung untergebracht war. Es gab die Kupferstichsammlung
des Direktors Carlos Gaa, eines Schwiegersohnes des Fabrikanten Reuther (Anm. und seiner Frau Marie Reuther geb. Altenkirch), es gab die hervorragende Frankenthaler Porzellan-Sammlung des einfachen Schlossermeisters Jean Wurz, und es gab Sammler wie Hermannsdörfer und viele andere, die zum Teil den Grundstock unserer heutigen Museen gebildet haben.“ [2]

Die Sammlung Carlos Gaa, die am 5. und 6. Mai 1926 von C. G. Boerner versteigert
wird, gehört zwar nicht zu den seit vielen Dezennien allen Kunstfreunden bekannten
Kupferstichsammlungen, hat aber dennoch vor vielen anderen, die nach langer Vereinigung in den Händen und unter den Augen des Besitzers wieder auf den Kunstmarkt gelangen, etwas voraus: die außerordentliche Gewähltheit und Gleichmäßigkeit der Qualität. Es spiegelt sich in ihr — wie es ja eigentlich immer der Fall sein sollte — die Persönlichkeit ihres Besitzers, der allem Scheinwesen abhold, ein stiller Freund der graphischen Künste war und frühzeitig zu der Einsicht gelangte, daß das Sammeln von Kupferstichen und Holzschnitten nur dann einen Wert und Zweck habe, wenn man mit gereiftem Blick auf Grund mitunter auch schmerzlicher Erfahrungen, wie sie keinem Sammler erspart bleiben, nur die allervorzüglichsten Drucke der Erwerbung und Einreihung in seine Mappen für würdig hält.

Er war nicht von der alten Garde jener Sammler, die besonderen Wert auf einen seltenen Plattenzustand legen, auf das Fehlen oder Vorhandensein von Schraffierungen, Stichelglitschern oder Ätzflecken. Er wußte, daß die Vertrautheit mit diesen äußeren Kennzeichen wohl eine erwünschte Handhabe des Sammlers sei, daß es aber doch in erster Linie auf die Entwicklung des Qualitätsgefühls ankomme, auf die Schulung des Auges, einen Abdruck auch ohne solche Eselsbrücken, lediglich auf Grund seiner individuellen Schönheit, seiner farbigen Tiefe und Leuchtkraft, seiner Tonfülle und seiner Erhaltung beurteilen zu können. Und darin nahm er es bei all seinen Ankäufen sehr genau. So kam es, daß die Sammlung allmählich bei aller Beschränkung in der Zahl der Blätter, im Punkte der Qualität zu einer einzigartigen wurde, und wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, sie nach seinem Wunsch und Willen noch ein oder zwei Dezennien weiter zu entwickeln, würde sie in ihrer Art ohnegleichen geworden sein.Es war eine Freude, den stillen und so sympathischen Mann bei der Auswahl des für ihn Erwünschten oder bei der Auktion selbst zu beobachten. Er wußte genau, was er wollte, und selbst wenn er mich in seiner überaus großen Bescheidenheit vor der Schlacht um Rat fragte, war er eigentlich schon seiner Absichten gewiß und bedurfte keiner Belehrung. Dann scheute er aber auch niemals, wenn anders er nicht einen Preis für übertrieben und unge rechtfertigt hielt, vor der Höhe desselben zurück und nahm trotz der Ungunst der Zeitläufte den Kampf selbst mit den englischen und amerikanischen Gegnern erfolgreich auf.Gaa gehörte, wie ich schon oben andeutete, einer neuen Spezies von Kupferstichsamm-lern an, deren Zahl sich erfreulicherweise in den letzten zwanzig Jahren gerade in Deutsch-land ständig zu mehren scheint. Er dachte nicht daran, einen mittelmäßigen Abdruck zu erwerben, nur um eine Lücke zu füllen, sondern er wartete geduldig, bis das ihm fehlende Blatt in einem Druck von erlesener Schönheit vorkam, wobei er streng darauf sah, daß es nicht durch unklare Stellen, Wurmlöcher, fehlende Ecken oder Restaurationen entwertet sei. Das XV. Jahrhundert ist in der Sammlung naturgemäß nicht sehr zahlreich vertreten, Schongauer mit etwa 20 Blättern, unter denen die sogenannte mittlere Kreuzigung, B. 24, und die Halbfigur der törichten Jungfrau, B. 87, durch die Gewähltheit der Exemplare hervorragen, einige Blätter von Israhel van Meckenem und vom Monogrammisten bg (dem früher sogenannten „Barthel Schön“) das äußerst seltene, nur noch in Berlin und Dresden vorhandene Blatt mit S.S. Antonius und Paulus P. 23. Von den beiden großen Kalvarienbergen des Meisters von Zw olle ist der hier vorliegende B. 5 aus der Sammlung Aumüller der weitaus seltenere. Auch unter den 10 Blättern des Meisters MZ befinden sich einige ungewöhnlich schöne Drucke. Das Dürer-Werk ist von einer geradezu erstaunlichen Gleichmäßigkeit, wenn auch nochmanche wichtigen Nummern fehlen. Es umfaßt über 50 Stiche und etwa 40 Holzschnitte, dar B. 78, die Grablegung, B. 86, der h. Hieronymus, B. 103, die Bettler an der Haustür, B. 176, die Ansicht von Amsterdam, B. 210, die Windmühle, B. 230, und vor allem die Hütte mit dem Heuschober, B. 225, in einem zauberhaft schönen Abdruck genannt. Endlich der Faust, B. 270, der Anslo, B. 271, ganz ungewöhnlich in seiner Tonfülle der Silvius predigend, B. 280, die Judenbraut, B. 340, und die Mutter Rembrandts, B. 343. Carlos Gaa hat hier, wie man sieht, neben der Berufsarbeit, die seine Zeit völlig ausfüllte und in der er anerkannt Großes geleistet, gewissermaßen im Nebenberuf zu eigner Freude eine Sammlung geschaffen, wie sie wohl schwerlich jemals in dem kurzen Zeitraum von 18 Jahren vereinigt wurde. Es ist ein schmerzlicher Gedanke, daß sie nunmehr das Los der meisten ähnlichen Sammlungen teilen soll, wieder nach allen Himmelsrichtungen verstreut zu werden, daß soviel hingebende Liebe, soviel, abwartende Geduld, soviel feinstes Kunstempfinden und soviel trefflicher Geschmack eines zielbewußten Kenners nichts Bleibenderes zu schaffen vermochten, als dies Denkmal eines zu früh vom Schicksal gebrochenen Willens. — Aber — das dürfen wir uns nicht verhehlen — auch die schönste Sammlung ist tot, sobald sich die Augen für immer geschlossen haben, denen sie ihr Dasein, ihr Blühen und Gedeihen verdankt. Der Geist ist’s auch hier, der lebendig macht und Früchte trägt. Daß die Sammlung Gaa nicht völlig der Vergessenheit anheimfalle, dafür wird der vorliegende Katalog sorgen, denn — das mag hier einmal offen herausgesagt werden — die deutschen Kupferstich-Auktionskataloge, und ganz besonders die Boernerschen, sind mit einer Genauigkeit und Sorgsamkeit abgefaßt, die man weder in England noch in Frankreich, noch überhaupt irgendwo auf der Welt kennt. Sie werden, wenn ihre Aktualität vorüber ist, gewissermaßen zu historischen Dokumenten, weil sie sich den jeweiligen Resultaten der wissenschaftlichen Forschung anschließen und auf diese Weise zum unentbehrlichen Rüstzeug der kunstgeschichtlichen Bibliotheken und Kupferstichkabinette gehören.  So wird auch der Katalog Gaa, wenn er seinen nächstliegenden Zweck erfüllt haben wird, in die lange Reihe jener berühmten Sammlungskataloge eingereiht werden, die, wie so viel andere, eine stumme, und doch dem Eingeweihten vertraute Sprache redenden Verzeichnisse von v. Liphart, Mitchell, Angiolini, Straeter, Kallmann, Morrison, v. Lanna, Huth, Främbs, Vincent Mayer, Julius Hof mann und Davidsohn ihren Platz in der Geschichte der graphischen Künste mit Ehren behaupten. — Mir waren die Genannten alle noch persönlich wohlbekannt und zum Teil sogar liebe Freunde. — Carlos Gaa wird unter ihnen der jüngste sein, aber gewiß nicht den letzten Rang in meiner Verehrung und Wertschätzung einnehmen.“ [1]

Einige der einstmals im Besitz von Dr. Gaa befindlichen Werke befinden sich heute in renomierten Sammlungen wie den Harvard Art Museums [3] und der U.S. National Gallery of Art [4].

Literatur:
[1] Max Lehrs Vorrede in Boerner, C.G. Versteigerungskatalog: Sammlung kostbarer alter Kupferstiche, Holzschnitte und Radierungen des in Mannheim verstorbenen Dr. Ing. h.c. Carl Gaa, Leipzig, 1926. (Link)
[2] Wilhelm Bergdolt, 350 Jahre Mannheim als Pflegestätte von Kunst und Kultur in Badische Heimat, 37. Jahrgang 1957 Heft 2/3, S. 107, Mannheim, 1957. (Link)

Weblinks:
[3] http://www.harvardartmuseums.org/art/198736 (zuletzt aufgerufen am 06.04.2017)
[4] https://www.nga.gov/content/ngaweb/Collection/art-object-page.130607.html#provenance (zuletzt aufgerufen am 06.04.2017)